Über Lernen, inneren Druck und den Rhythmus von Tun und Nicht-Tun

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Schüler:innen – in Mathe, aber eigentlich auch mit etwas viel Grundsätzlicherem: mit innerem Druck.
Sehr oft höre ich Sätze wie:
„Ich müsste eigentlich lernen, aber ich krieg’s einfach nicht hin.“
Oder:
„Ich weiß genau, dass ich anfangen sollte – und genau das blockiert mich.“

Prokrastination taucht dabei fast immer auf. Und fast immer wird sie als Fehler gesehen. Als etwas, das wegmuss. Als Zeichen von Faulheit, mangelnder Disziplin oder fehlender Motivation.

Meine Erfahrung ist eine andere.
Prokrastination ist kein Fehler. Sie ist ein Hinweis.

Gerade im Mathe-Kontext – wo bei vielen Angst, Scham oder alte Erfahrungen mitschwingen – zeigt Prokrastination oft nur eines:
Da ist gerade ein innerer Konflikt. Ein Teil will lernen. Ein anderer Teil kann oder will gerade nicht.

Und dieser Konflikt will nicht gelöst, sondern zuerst verstanden werden.

Prokrastination ist kein Fehler

Wenn wir prokrastinieren, erzählen wir uns oft sofort eine Geschichte darüber:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich bin zu bequem.“
„Andere kriegen das doch auch hin.“

Aber eigentlich bedeutet Prokrastination erstmal nur:
👉 Ich möchte etwas tun – und tue es gerade nicht.

Mehr nicht.

Das Problem entsteht meist erst durch das, was wir oben drauflegen: inneren Druck, Selbstkritik, Vergleiche. Genau das verstärkt die Blockade.

Prokrastination ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Symptom. Ein Signal des Systems:
So wie es gerade gedacht oder gefordert wird, geht es nicht.

Wie Lernen wirklich funktioniert (und warum wir das oft vergessen)

Lernen ist kein linearer Prozess.
Es ist kein „Ich setze mich hin und lade Wissen hoch“.

Lernen funktioniert rhythmisch:

Viele kennen das:
Man sitzt an einer Aufgabe, kommt nicht weiter, lässt es liegen – und am nächsten Tag ist plötzlich alles klar. Nicht, weil man faul war, sondern weil das Wissen Zeit gebraucht hat, sich zu integrieren.

Pausen sind Teil des Lernens, nicht dessen Gegenteil.

24/7 zu lernen ist weder effektiv noch gesund.
Und trotzdem glauben viele, genau das sei nötig – besonders kurz vor Prüfungen. Dann entstehen diese Extreme: lange nichts tun, dann Vollgas, danach völlige Erschöpfung.

Der entscheidende Punkt ist:
👉 Jeder Mensch lernt anders.
Es gibt kein allgemeingültiges „richtig“ oder „falsch“.

Die Landkarte der Lernblockaden: Tun und Nicht-Tun verstehen

Um das verständlicher zu machen, hilft eine einfache Landkarte. Keine Theorie – eher eine Orientierung.

Man kann Tun und Nicht-Tun jeweils in zwei Qualitäten erleben:

Gesundes Tun
– klar
– präsent
– angemessen
– „Ich mache jetzt das, was gerade dran ist“

Manisches Tun
– innerer Druck
– „Ich muss“
– keine Pausen
– Lernen aus Angst oder Zwang (oft bei Mathe-Angst: „Wenn ich das jetzt nicht verstehe, bin ich dumm“)

Gesundes Nicht-Tun
– Pause
– Regeneration
– Sein dürfen
– Raum für Integration

Blockiertes Nicht-Tun
– inneres Feststecken
– Erschöpfung
– Vermeidung
– „Ich will, aber ich kann nicht“

Prokrastination entsteht meist in der Spannung zwischen diesen Polen.
Nicht als eigener Zustand, sondern als Ausdruck eines inneren Ungleichgewichts.

Wichtig dabei:
Es geht hier nicht darum, warum du in einem Feld bist.
Die Warum-Frage führt oft direkt in Analyse, Schuld oder Rechtfertigung.

Die entscheidende Frage ist viel einfacher – und viel sanfter:

👉 Wie ist es gerade, hier zu sein?

Wahrnehmen statt antreiben

Wenn du merkst, wo du dich gerade befindest – in welchem Feld dieser Landkarte – dann ist das kein Urteil. Es ist Information.

Wie fühlt sich das an, gerade im blockierten Nicht-Tun zu sein?
Wie fühlt sich manisches Tun im Körper an?
Wie wäre gesundes Tun?
Wie wäre gesundes Nicht-Tun?

Allein dieses ehrliche Wahrnehmen – ohne Absicht, etwas zu verändern – hat oft schon eine regulierende Wirkung. Das heißt, dein Körper und dein Kopf beruhigen sich ein Stück, weil sie nicht mehr gegen den Widerstand ankämpfen müssen.
Nicht, weil man sich „richtig verhält“, sondern weil das System merkt: Ich werde gesehen.

Und manchmal verschiebt sich dann etwas ganz von selbst.
Manchmal auch nicht. Beides ist okay.

Hinweis für Eltern: Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind „feststeckt“, ist der wertvollste Beitrag oft nicht der Appell zur Disziplin, sondern den Raum für dieses Wahrnehmen zu halten: „Ich sehe, dass es gerade schwer ist. Es ist okay, wenn du dich gerade so fühlst.“

Mathe-Angst & Glaubenssätze: Warum wir uns beim Lernen selbst blockieren

In diesen Feldern tauchen fast immer Gedanken auf, die sich sehr wahr anfühlen:

Wichtig ist:
Das sind Gedanken, keine Fakten.

Viele dieser Sätze sind erstaunlich vage.
Wer genau sind „die anderen“?
Was heißt „viel schlauer“?
Und wer hat entschieden, was man „muss“?

Es geht nicht darum, diese Gedanken wegzumachen oder positiv zu ersetzen.
Der erste Schritt ist viel einfacher: merken, dass es Gedanken sind.

Ein kleines Gedankenexperiment

Du kannst damit experimentieren – ganz praktisch:

Was wäre, wenn dieser Gedanke gerade nicht stimmt?
Oder wenn ich ihn für einen Moment nicht glaube?

Dann nichts tun.
Nur wahrnehmen.

Vielleicht wird der Atem etwas freier.
Vielleicht wird es weiter im Körper.
Vielleicht passiert erstmal gar nichts.

Auch das ist okay.

Genauso interessant ist die andere Seite:
Wie fühlt sich ein Gedanke an, der unterstützend ist?
Nicht als Affirmation (ein Satz, den man sich zwanghaft einredet), sondern als echte innere Erlaubnis.

Diese Experimente beschreibe ich in einem anderen Artikel ausführlicher – dort geht es genauer um Wahrnehmung, Forschen und darum, wie Veränderung oft ohne Druck entsteht. (Hier geht’s zum Artikel!)

Praktische Hinweise für den Alltag

Zum Schluss ein paar bodenständige Dinge – ohne Anspruch, dass sie für alle passen:

Ein kleiner Nervensystem-Impuls, den viele als hilfreich erleben:

Was wäre, wenn es gerade nichts zu tun gäbe –
und wirklich nichts zu erledigen wäre –
außer jetzt hier zu sein?

Nicht als Technik.
Eher als Einladung, für einen Moment aus dem inneren Druck auszusteigen.

Zum Abschluss

Prokrastination ist kein Feind.
Sie zeigt dir etwas über dich, über deinen Rhythmus, über deine Grenzen.

Wenn du beginnst wahrzunehmen, wo du gerade bist – und wie es sich dort anfühlt –, ordnet sich vieles oft von selbst. Nicht immer sofort. Aber nachhaltig.

Lernen darf ruhig sein.
Und manchmal beginnt es genau da, wo man aufhört, sich selbst anzutreiben.

Lust auf eine gemeinsame Forschungsreise?

Wenn du merkst, dass du tiefer in diese Themen eintauchen möchtest – sei es wegen Mathe oder einfach für dich selbst –, dann melde dich gerne bei mir. Wir können das Ganze mal gemeinsam erforschen. Ich verspreche dir: Was du hier über dich lernst, nimmst du garantiert als wertvolles Werkzeug für dein ganzes Leben mit. 🙂

 

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